Theologen: So hat Religion die Wahlen in den USA beeinflusst
Es waren vor allem wirtschaftliche Fragen, die zum Wahlerfolg der Demokraten bei den US-Midterms führten. Zwei Theologen erklären, wie der christliche Glaube dahintersteht - und worauf sich die Kirche einstellen muss.
Bonn/Freiburg (KNA) Katholische Wähler in den USA haben sich bei den vergangenen Midterms aus Sicht des Theologen Massimo Faggioli auch aus Enttäuschung von Trumps Republikanern abgewandt. "Katholiken, die Trump gewählt oder mit ihm sympathisiert haben, haben erkannt, dass er auch für den Katholizismus, das Christentum und die Kirchen eine Katastrophe gewesen ist", sagte der in den USA lehrende Religionswissenschaftler im Interview dem Portal katholisch.de.
Bislang seien es Themen wie Abtreibung und andere bioethische Fragen gewesen, die die Verbindung von Katholiken und konservativen Republikanern begründet hätten, so Faggioli. "Für die Republikanische Partei sind diese Themen aber politisch nicht mehr relevant. Wer ein Leben lang gesagt hat, man müsse die Republikaner unterstützen, weil nur sie sich um diese Fragen kümmerten, hat heute nichts mehr anzubieten."
Auch die Auseinandersetzung zwischen Trump und Papst Leo XIV. hat sich laut dem italienischen Theologen auf die Wahlentscheidung ausgewirkt, allerdings in einem eher geringen Maße. Wichtiger seien wirtschaftliche Fragen wie die steigenden Lebenshaltungskosten oder die Angst vor der Macht der Technokraten im Silicon Valley gewesen. Gerade in Bezug auf Letzteres sieht Faggioli großes Potenzial im Katholizismus. Dieser "kann Menschen mobilisieren und auch die Republikaner davor warnen, dass sie der nächste große Bissen sind, den Silicon Valley verschlingen wird".
Dafür brauche es ein Hineinwirken der Kirchen in die Parteien. Gerade bei den siegreichen Demokraten kann das aus Faggiolis Sicht schwierig werden. "Viele der neuen Gesichter und Stimmen in der Demokratischen Partei haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebt, wie eng die katholischen Bischöfe mit der Republikanischen Partei verbunden waren. Die junge Generation der Demokraten setzt den Katholizismus deshalb stark mit den Republikanern und dem Trumpismus gleich."
Der österreichische Theologe Andreas Weiß warnt allerdings die Demokraten vor einer parteipolitischen Vereinnahmung des Christentums. Christliche Politik alleine auf kulturpolitische Konflikte hin zu führen, greife zu kurz. "Lebensschutz und Sexualethik bleiben wichtige Fragen. Menschenwürde betrifft aber ebenso soziale Gerechtigkeit, Migration und Frieden. Das sind keine Nebenschauplätze", so Weiß in einem Gastbeitrag im theologischen Portal communio.de. "Wer sich auf christliche Werte beruft, muss sich daran messen lassen, was seine Politik für die Menschen tatsächlich verändert."
Hingegen gelte es, eine glaubhafte Hoffnung für das zukünftige Zusammenleben zu vermitteln. Die Selbstverständlichkeit des "American Dream", dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gemeinsam die Zukunft gestalten können, sei brüchig geworden, erklärte Weiß. Dieser Traum könne aber wieder erfahrbar gemacht werden durch "christliche Hoffnung", die der Gegenwart nicht ausweiche, sondern dazu ermutige, sie zu verändern, "ohne politische Programme mit Heilsversprechen zu verwechseln".
