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Kliniken, Ärzte und Pflege erarbeiten Leitbild gegen Machtmissbrauch

Ärzte, die Kolleginnen degradieren oder Macht ihnen gegenüber missbrauchen, sind einer Befragung zufolge eher die Regel, nicht die Ausnahme. Nun wollen Kliniken, Ärzte und Pflegekräfte gemeinsam etwas daran ändern.

Kliniken, Ärzte und Pflegekräfte wollen gemeinsam gegen Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung in Krankenhäusern vorgehen. Die Krankenhäuser hätten dem Thema zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, räumte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, am Mittwoch in Berlin ein. "Unser Ziel ist eine Arbeitskultur, in der Respekt selbstverständlich ist", so Gaß.

Zunächst müsse über die Krankenhausleitung das Thema in die Kliniken hineingetragen werden. Dann brauche es klare Prozesse, wie ein Vorfall gemeldet werden könne und was daraus folge. "Das darf keine Scheinveranstaltung sein", betonte Gaß.

Auf Basis eines erarbeiteten Leitbilds soll ab Mittwoch ein Runder Tisch, an dem unter anderem auch die Bundesärztekammer und die Universitätskliniken sitzen, Instrumente entwickeln, darunter Schulungen, die in Kliniken implementiert werden.

Gute fachliche Kenntnisse machten noch keine gute Führungskraft aus, sagte die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna. Es gebe strukturelle Probleme und ein kultureller Wandel sei dringend nötig. Es habe sich ein "habituelles Schweigen zu so einem Fehlverhalten" etabliert, klagte Johna. Daher müssten auch die bestehenden Meldestellen evaluiert werden.

Der Marburger Bund hatte im Frühjahr eine Befragung zu Machtmissbrauch unter seinen Mitgliedern durchgeführt. Die Ergebnisse unter rund 9.000 angestellten Ärztinnen und Ärzten hatte gezeigt, dass Grenzüberschreitungen wiederholt auftreten und bei Betroffenen zu persönlichen wie beruflichen Belastungen führen. Von den Befragten arbeiteten 90 Prozent in Krankenhäusern.

Knapp die Hälfte der Befragten berichtete, in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte, meist männliche ärztliche Vorgesetzte, erlebt zu haben. 13 Prozent berichteten von sexueller Belästigung im ärztlichen Arbeitsumfeld. Mehr als zwei Drittel der Befragten waren weiblich, rund die Hälfte 40 Jahre und jünger.

74 Prozent derjenigen, die Machtmissbrauch erlebt haben, machten laut Johna keine Meldung. Bei sexueller Belästigung waren es 86 Prozent. Häufigster Grund sei, dass die Betroffenen keine Veränderung erwarteten oder berufliche Nachteile befürchteten. "Wir müssen die Bedingungen verändern, unter denen sie ihre Erfahrungen auch wirklich ansprechen können", betonte Johna. Diese Ergebnisse seien ein Weckruf, fügte Gaß hinzu.