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Wenn Omas Rezept keine Rolle mehr spielt - KI macht Esskultur ärmer

Alle wollen Dubai-Schokolade oder nur ganz bestimmte Fritten von einer Bude in Amsterdam: Virale Trends vereinheitlichen weltweit den Geschmack, so eine Untersuchung. Aber es könnte auch eine Gegenbewegung entstehen.

Plätzchen nach familiärem Geheimrezept oder Kohlrouladen à la Großtante Iris? Lokale Kochtraditionen könnten mit KI in Vergessenheit geraten, sagen Schweizer Forscherinnen und Forscher. Es drohe "geschmacklicher Einheitsbrei". Das zeigt die Untersuchung "AI on the Menu" (KI auf der Speisekarte), die analysiert, wie Künstliche Intelligenz die Esskultur verändert - und wo sie an ihre Grenzen stößt. Autoren sind Wissenschaftler des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI), eine Denkfabrik im schweizerischen Rüschlikon.

"KI macht unsere Ernährung möglicherweise gesünder und effizienter - aber nicht unbedingt unsere Esskultur reicher", sagt Christine Schäfer, Wissenschaftlerin am GDI.

So könne KI Ernährung gesünder machen, weil sie Kalorien erfassen und individuelle Ernährungsempfehlungen geben könne. Sie sei auch in der Lage, neue Rezepte vorzuschlagen und könne Koch-Routinen erleichtern. Allerdings bleibe für KI weitgehend unsichtbar, was nicht digital dokumentiert sei. "Damit besteht die Gefahr, dass lokale Kochtraditionen zunehmend in Vergessenheit geraten", heißt es.

Die Forscher betonen, dass zwar Technologien Ernährung und Esskultur schon seit jeher verändert haben. Neu sei allerdings, dass Algorithmen bereits im Moment der Entscheidung eingreifen. Was in den Sozialen Medien viral gehe, lande kurze Zeit später auf Speisekarten und in Supermarktregalen rund um den Globus. Als Beispiel nennen die Forscher Dubai-Schokolade, Bubble Tea oder Strawberry-Matcha. Der Hype um Dubai-Schokolade hatte etwa die Nachfrage nach Pistazien ansteigen lassen.

KI könne diese Entwicklung weiter beschleunigen, so die Forscher. Digitale Empfehlungssysteme bevorzugten häufig populäre Inhalte. Zudem orientierten sich Unternehmen bei der Entwicklung und Vermarktung ihrer Produkte zunehmend daran, was online Aufmerksamkeit erzeuge. Dadurch drohen laut Angaben regionale Besonderheiten und kulinarische Vielfalt an Bedeutung zu verlieren. "Wenn weltweit dieselben Food-Trends viral gehen, wird auch unser Geschmack immer ähnlicher", sagt Schäfer.

Die Forscher zeigen aber auch Gegenbewegungen auf: Bio sei etwa die Antwort auf die industrielle Produktion und ihre Folgen gewesen. Entsprechend könnte KI die "Human-Made"-Bewegung auslösen. Vermeintliche Makel - wie etwa ein leicht verkohlter Pizzarand - könnten zum neuen Qualitätsmerkmal werden. "Je mehr KI unsere Ernährung perfektioniert, desto wertvoller könnte das werden, was erkennbar von Menschen gemacht ist", sagt Christine Schäfer.