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Medikamentensucht betrifft vor allem Ältere - Gezielte Hilfe fehlt

Social-Media-Verbot und mögliches Suchtverhalten junger Menschen sind in aller Munde. Dabei drohen laut einem Forscher andere Probleme übersehen zu werden: zum Beispiel Ältere, die schon jahrelang Schlafmittel nehmen.

Sucht im Alter wird nach Worten eines Psychiaters unterschätzt. Für junge Menschen gebe es zahlreiche, gezielte Angebote, sagte Patrik Roser der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Vielfach gehe es um Online-Verhaltensstörungen, sogenannte Partydrogen oder auch Cannabis. Aber: "Die ältere Klientel geht etwas unter." Dabei leide sie besonders häufig an Medikamentensucht: Schätzungen gehen von rund 1,5 Millionen Betroffenen in Deutschland aus, für Roser eine "gewaltige Zahl".

Der Chefarzt an der Essener LVR-Universitätsklinik unterscheidet zwei Gruppen: einerseits "Substitutionspatienten", also ehemals Heroinabhängige, die mit dem Aufkommen dieser illegalen Substanz in Deutschland in den 1990-er Jahren erkrankten. "In dieser Zeit ist das Versorgungsangebot oftmals stehen geblieben", kritisiert der Experte.

Andererseits sei die Abhängigkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln "eine komplett versteckte Sucht". Diese Fälle würden oft erst bei Krankenhausaufenthalten entdeckt: Dort werde die Medikation mitunter unterbrochen und die Patientin oder der Patient erleide etwa einen Krampfanfall - eine typische Entzugserscheinung. "Dann stellt sich oft heraus, dass niemand wusste, dass die Person seit 30 Jahren Valium einnimmt und längst abhängig geworden ist."

Er erlebe "regelmäßig Patientinnen und Patienten, die schon sehr lange Schlaftabletten einnehmen und nie aufgeklärt wurden, dass die ein Abhängigkeitspotenzial haben und eigentlich für maximal vier Wochen zu verschreiben sind, nicht über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Das Verschulden liegt eher bei den Verschreibenden." Allerdings handelten die wenigsten Medizinerinnen und Mediziner in böser Absicht; der Experte wünscht sich von ihnen ein stärkeres Bewusstsein für diese Gefahr.

Zudem wirbt Roser für mehr Aufklärung in der Bevölkerung. "Bei Medikamenten ist die Dynamik eine ganz andere als zum Beispiel beim Alkohol: Ich greife nicht zu einem bekannten Suchtmittel, sondern gehe zum Arzt, der mir etwas gegen Beschwerden aufschreibt." Die Hürde, überhaupt auf ein mögliches Problem aufmerksam zu werden und etwa gezielt nach einem Medikationsplan zu fragen, sei also deutlich höher - dabei sei dies durchaus ratsam.