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Medienethikerin: Angst darf nicht Maßstab für politische Eignung sein

Muss politische Führung immer furchtlos wirken? Medienethikerin Claudia Paganini hält diese Erwartung für falsch und gefährlich. Sie kritisiert den "Spiegel"-Bericht über Berlins Linken-Politikerin Elif Eralp scharf.

Die Medienethikerin Claudia Paganini hält die "Spiegel"-Veröffentlichung von internen Hinweisen der Berliner Linken-Politikerin Elif Eralp zu Sorgen um die Sicherheit ihrer Familie für höchst problematisch. "Journalismus sollte gerade in Situationen, wo exponierte Personen - aufgrund konkreter Bedrohungen - um ihre eigene und die Sicherheit ihrer Familie fürchten, eine besondere Sensibilität zeigen, statt ihre Verletzlichkeit öffentlich zur Schau zu stellen", sagte sie am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin.

"Besonders befremdlich finde ich, dass hier ausgerechnet die Angst vor Einschüchterung zum Anlass genommen wird, eine Politikerin öffentlich unter Druck zu setzen", so Paganini. "Von politischen Führungskräften sollten wir nicht Furchtlosigkeit erwarten, sondern einen reflektierten Umgang mit der eigenen Angst."

Eine politische Kultur, in der Angst nicht mehr gezeigt werden dürfe, bringe keine fähigeren Politikerinnen und Politiker hervor, sondern Menschen, die sich besser verstellten. "Dass das Eingeständnis von Angst als Beweis mangelnder politischer Eignung ausgelegt wird, halte ich daher von der Sache her für eine Dummheit und ethisch betrachtet für äußerst perfide", sagte die an der österreichischen Universität Innsbruck lehrende Expertin.

Das Magazin "Spiegel" hatte einen Bericht veröffentlicht, wonach Eralp die Sicherheit ihrer Familie in Gefahr sieht, wenn sie einen bekannten Berliner Hamas-Sympathisanten beim Namen nennt. Der "Spiegel" zitiert dazu aus internen Anmerkungen zu einem Interview, das er mit der Spitzenkandidatin für das Amt des Regierenden Bürgermeisters führte. Der Interviewtext wurde demnach von Eralps Büro versehentlich samt der internen Anmerkungen an den "Spiegel" zurückgeschickt.

"Ich würde auch meinen, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet bei einer Frau die Angst zum Maßstab politischer Führungsqualität gemacht wird", sagte Paganini. "Bei einem Mann hätte man möglicherweise eher von einer berechtigten Sorge um die eigene Familie und entsprechend von verantwortungsbewusster Zurückhaltung gesprochen." Das seien nur Mutmaßungen. "Fakt ist aber, dass Medien darauf achten sollten, problematische Geschlechterbilder nicht zu reproduzieren."

Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit führte zur Begründung der Veröffentlichung an, dass es zwar menschlich sei, Angst zu haben. "Aber in manchen Rollen darf man sich nicht einschüchtern lassen, muss man seine Angst überwinden." Bei Eralp seien diesbezüglich Zweifel angebracht. "Das wiegt schwer bei einer Kandidatin für ein politisches Spitzenamt. Angst gibt den Angstmachern Macht, in diesem Fall Macht über Berlin. Es gilt auch: Am Ende steht die Sicherheit Berlins über der Sicherheit einer Regierenden Bürgermeisterin."