Junge Erwachsene konsumieren verstärkt illegale Substanzen
Psychoaktive Substanzen in Gummibärchen? Über Soziale Netzwerke werden solche Produkte angeboten; vor allem junge Erwachsene greifen laut Statistiken zu. Eine Expertin fordert eine neue Debatte über Suchtverhalten.
Essen/München (KNA) Rund 50 neue Substanzen sind im vergangenen Jahr auf dem europäischen Drogenmarkt aufgetaucht: Diese Entwicklung bewertet Esther Neumeier vom Münchner IFT Institut für Therapieforschung als höchst beunruhigend. Hinzu komme vermutlich ein großes Dunkelfeld, sagte die Psychologin beim Fachkongress Sucht in Essen. Die Veranstaltung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen endet am Nachmittag. Insgesamt sind demnach in Europa 1.050 sogenannte Neue Psychoaktive Substanzen unter Beobachtung.
Die Gefährlichkeit vieler Stoffe lasse sich kaum einschätzen. Eine große Gruppe machen einerseits synthetische Cannabinoide aus, die gefährlicher sind als herkömmliches Cannabis, und andererseits Cathinone, bekannt etwa als "Badesalz" oder "Monkey Dust". Letztere sind Stimulanzien und oftmals gefährlicher als Kokain. Die Darreichungsform ist laut Neumeier flexibel: Es gebe Pulver, Tropfen, Tabletten, Vapes und sogar Gummibärchen.
Ein weiteres Problem sieht Neumeier in der Verfügbarkeit: Über Soziale Netzwerke seien diese Stoffe einfach zu beschaffen, würden mitunter "bestellt wie eine Pizza". Die Psychologin Julia von Weiler ergänzte, dass Eltern in den USA unter anderem deshalb Snapchat verklagt hätten, weil Dealer darüber immer wieder in Kontakt mit jungen Menschen gekommen seien: "Für Dealer sind Soziale Netzwerke super."
Zudem beschreibt Neumeier einen großen Schwarzmarkt und eine uninformierte Konsumentengruppe: "Viele Jüngere wissen nicht um das Konsumrisiko." Insofern würden sowohl die Märkte als auch Konsummuster komplexer. Auch wenn der Drogenkonsum in der Allgemeinbevölkerung nicht ansteige, gebe es erhebliche Risiken für bestimmte Gruppen.
Die Expertin fordert deshalb, bestehende Vorstellungen von "hartem" Drogenkonsum zu überdenken: "Was man sich nach Hause bestellen kann, ist inzwischen genauso riskant wie das, was man auf der Straße bekommt." Es gehe nicht um Panik, sondern darum, lokale Netzwerke der Suchthilfe zu stärken und auch Menschen mit eigener Konsumerfahrung in Angebote zur Prävention und Aufklärung einzubinden.
