Historiker warnt vor Verallgemeinerungen bei Unruhen in Frankreich
Die Ausschreitungen in Frankreich vom vergangenen Wochenende sorgte für Entsetzen - nicht nur im Land selbst. Woher kommen die Wut und die Gewalt? Ein Experte ordnet ein.
Nizza (KNA) Die Unruhen in Frankreich haben nach Ansicht von Historiker Matthias Waechter, Leiter eines französischen Hochschulinstituts, verschiedene Ursachen. Den Anfang hätten nach den Sommerferien friedliche Proteste von Oberstufenschülern gemacht, sagte Waechter am Dienstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Nizza. Dabei sei es unter anderem um einen verbreiteten Mangel an Lehrkräften gegangen und eine schlechte Ausstattung der Schulen.
So habe die Regierung nach den Hitzewellen in dem Land versprochen, Schulen flächendeckend mit Klimaanlagen auszustatten, dieses Versprechen jedoch bald wieder zurückgezogen. Sodann hätten angehende Studentinnen und Studenten gegen die zentrale Studienplatzvergabe über die Plattform Parcoursup protestiert. Immer wieder gingen Abiturienten in dem Vergabeprozess leer aus. Das trage zu einer weit verbreiteten Perspektivlosigkeit unter jungen Menschen bei, so Waechter.
Bald darauf sei es bei den Demonstrationen zu Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Teilnehmern und der Polizei gekommen. Die Sicherheitskräfte wiederum seien dabei von Anfang an sehr rigoros vorgegangen. Das habe stellenweise zu einer Eskalation beigetragen. "Und damit kam es dann zum Überschwappen auf weitere Bevölkerungskreise mit anderen Themen wie hohe Spritkosten und teure Lebensmittel", so der Historiker, der das renommierte Hochschulinstitut CIFE in Nizza leitet.
Am vergangenen Wochenende sei die Lage dann mit den vollends aus dem Ruder gelaufen. Die Randalierer verfolgten kein politisches Programm, betonte Waechter, Autor mehrerer Bücher und Aufsätze über Geschichte und Gegenwart Frankreichs. Allerdings habe die linke Partei La France insoumise von Jean-Luc Mélenchon anfangs die Proteste unterstützt, um die Demonstranten für ihre Zwecke politisch zu mobilisieren. Für den Rassemblement National von Marine Le Pen wiederum seien die Ausschreitungen Wasser auf die Mühlen. Die extremen Rechten forderten nun noch härteres Durchgreifen und verknüpften die Proteste mit ihrer Kritik an Migration.
Die Regierung sei durch die Gewalt bei den Demonstrationen überrascht worden, sagte Waechter. Für das kommende Wochenende würden aber offenbar Vorkehrungen getroffen, eine Wiederholung zu verhindern. Dann sind neue Proteste angekündigt; allerdings gelten jetzt schon in einigen französischen Städten begrenzte Ausgangssperren.
