Expertin: Einsamkeit vorbeugen - Kontakte pflegen statt abtauchen
Raus aus der Einsamkeitsspirale - aber wie? Eine Theologin wirbt dafür, auch in schwierigen Phasen mit wichtigen Menschen in Verbindung zu bleiben. Den Austausch mit Chatbots sieht sie dagegen mit gemischten Gefühlen.
Bremen/Aachen (KNA) Umzug, Elternschaft, neuer Job: Umbrüche ändern oft auch bestehende Beziehungen. Es sei wichtig, mit engen Personen in Kontakt zu bleiben, auch wenn sich Lebensmodelle ändern, sagt die Theologin Dorothee Boss, die seit Jahren chronisch einsame Menschen berät. "Es ist eine Gefahr, dass man es schleifen lässt und sich schleichend voneinander entfremdet", erklärte die Expertin am Donnerstagabend bei einer Veranstaltung der Apollon-Universität in Bremen.
Sie rate dazu, etwaige Vorwürfe beiseitezulassen: Es komme auf offene Nachfragen und unvoreingenommenes Zuhören an. Vorhandene Beziehungen zu pflegen und wertzuschätzen, sei ein Schutz vor Einsamkeit. Ebenso sei es sinnvoll, spontan zu schauen, was sich womöglich aus entfernteren Kontakten ergebe. "Vieles ist heutzutage leider nur situativ. Bindung wächst jedoch aus Regelmäßigkeit und Zuverlässigkeit."
Im Frühjahr hatte eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergeben, dass in Stresssituationen zunehmend auch KI-Chatbots zu Rate gezogen werden: Für über ein Viertel (26 Prozent) fühlt sich Künstliche Intelligenz (KI) demnach "manchmal wie eine digitale Bezugsperson an"; bei den unter 30-Jährigen fühlt sich die Hälfte (50 Prozent) dort "gut verstanden". Diese Entwicklung sei noch nicht ausreichend untersucht, sagte Boss. Es habe aber schon Suizide aufgrund von KI-Falschinformationen gegeben.
Sie sprach sich dafür aus, Chatbots sehr gezielt zu nutzen, und gerade in seelischen Krisen solche Angebote, die von Fachleuten begleitet werden. Wer sich bereits sozial zurückgezogen habe, neige eher dazu, mit einem Chatbot "intimste Dinge zu besprechen" - und soziale Fähigkeiten nicht mehr zu trainieren. Eine solche Verdrängung von echter menschlicher Begegnung sei niemals hilfreich.
In ihrer Beratung erlebe sie vor allem sogenannte emotionale Einsamkeit, fügte Boss hinzu: Menschen berichteten etwa von 300 Social-Media-Kontakten, aber keinem einzigen Freund. Andere sagten, sie hätten Freunde, sich aber auseinandergelebt. Es brauche Zeit, sich dieses Erleben einzugestehen - auch, weil Einsamkeit noch immer stark tabuisiert werde. Sie gehe oft mit dem Gefühl einher "mit mir stimmt etwas nicht" oder "ich bin nicht interessant genug". Solche Überzeugungen müsse man aufbrechen.
