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Meldung

Psychologinnen an Merz: Ehrlich hinschauen - statt Schuld zuweisen

Im Sommer wurde über "Lifestyle-Teilzeit" diskutiert; aktuell sehen sich Eltern angesichts der Pisa-Ergebnisse der Kritik ausgesetzt, sich zu wenig zu kümmern. Psychologinnen weisen solche Verkürzungen zurück.

Forderungen nach mehr Arbeitsstunden oder der Vorwurf, Eltern sei die Schulbildung ihrer Kinder gleichgültig: Solche Äußerungen schaffen und verhärten nach Ansicht von Psychologinnen neue Fronten. "Ehrlichkeit würde schon genügen", sagte Nese Oktay-Gür im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Gemeinsam mit Fee Kalter hat sie soeben das Buch "Nicht immer alles geben" veröffentlicht; beide sind Gründerinnen der "NAP!"-GmbH für gesunde Arbeitskultur.

Dieser ehrliche Blick dürfe nicht auf eine Schuldzuweisung hinauslaufen: "Probleme sind natürlich besprechbar, aber die Frage, wer wann was falsch gemacht hat, ist selten Teil der Lösung." Die meisten Menschen wollten leistungsfähig sein, aber auch Möglichkeiten zur Gestaltung haben. "Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit zählen zu den Grundbedürfnissen", sagte Kalter. Ein fairer Umgang sei daher die erste Voraussetzung, um ein neues Miteinander zu finden.

Im Hinblick auf die jüngsten Wahlergebnisse beobachtet Oktay-Gür "eine große Not. Die Menschen sehen etwas, das nicht so ist, wie es sein sollte." Dauerhafter Stress, den eine zunehmende Zahl von Personen beklagt, führe dazu, dass man mit Widersprüchen und mehrdeutigen Situationen schlechter umgehen könne. "Natürlich ist es dann einladend, wenn einfache Lösungen präsentiert werden - vielleicht sogar solche, die uns persönlich nicht betreffen, weil irgendwie andere Schuld sein sollen."

Zugleich sei die Welt in Zeiten der Digitalisierung ein Dorf geworden, sagte Kalter: "Alles hängt miteinander zusammen, ist kompliziert und verunsichernd." Außerdem werde der Wunsch nach Selfcare größer, weil das Gefühl schwinde, sich auf Institutionen wirklich verlassen zu können. Selbstfürsorge werde indes dann politisch, wenn sie um die Frage kreise: "Was kann ich verändern, wofür kann ich mich einsetzen - ohne auf die große gesellschaftliche Veränderung zu warten?" Dies beginne im eigenen Alltag.