Kinderarzt sieht viele Eltern durch Ratgeber-Flut verunsichert
Kinderarzt Oskar Jenni und Entwicklungspsychologin Patricia Lannen haben selbst sechs Kinder und werden bald Großeltern. Sie erleben Überforderung bei vielen Müttern und Vätern - und erklären, was dagegen helfen kann.
Berlin (KNA) "Mehr Gelassenheit. Und das Loslassen eigener Vorstellungen": Dazu rät den Kinderarzt Oskar Jenni. Junge Eltern sollten weniger streng mit sich sein, sagte er der "Bild am Sonntag". Entwicklungspsychologin Patricia Lannen ergänzte, niemand sollte mit Elternschaft allein sein: Sie wolle jungen Müttern und Vätern mit auf den Weg geben, "dass sie sich trauen, Hilfe anzunehmen".
Eltern seien heute keineswegs weniger kompetent als früher, betonte Jenni. "Im Gegenteil: Sie wissen sehr viel. Es ist die unendliche Fülle an Informationen, die verunsichert. Früher fragte man vielleicht die eigene Mutter, den Kinderarzt oder las den einen Ratgeber im Bücherschrank. Heute gibt es Podcasts, Websites, Influencer und Social Media. Zu jeder Frage bekommt man zehn verschiedene Antworten."
Ein "Grundstock an Wissen" ist nach Worten des Autors durchaus sinnvoll. "Aber danach sollte die Intuition übernehmen." Allerdings vermittelten insbesondere Plattformen wie Instagram "ein Bild von Elternschaft, das mit dem echten Leben nur wenig zu tun hat. Dort schlafen die Kinder gut, essen alles, werden liebevoll gefördert und die Eltern wirken entspannt."
Wer dies zum Maßstab für den eigenen Alltag mache, bekomme schnell das Gefühl, dass dort etwas nicht stimme. Aber, so Jenni: "Der normale Familienalltag ist chaotisch. Das war er immer schon." An Großeltern appellierte er, Entscheidungen ihrer Kinder für den eigenen Nachwuchs zu akzeptieren.
