Psychologin räumt mit falschen Vorstellungen von Narzissmus auf
Seit einigen Jahren ist in der Öffentlichkeit ständig von narzisstischen Personen die Rede. Aus Sicht einer Psychologin greift dieses Label oft zu kurz - und wird dem Leid vieler Betroffener nicht gerecht.
Weinheim (KNA) "Meine Chefin ist toxisch" oder "Mein Mann ist Narzisst" - vor solchen Alltagsdiagnosen warnt die Psychologin Bärbel Wardetzki. "Wir sollten stärker hinter die Fassaden der Begriffe schauen", sagte sie der Zeitschrift "Psychologie Heute" (September-Ausgabe). So denke man beim Begriff "Narzisst" an eine Person, die übermäßig von sich überzeugt ist: "Doch dieser grandiose Narzissmus ist nur eine Ausprägung der Medaille."
Sie selbst erlebe als Psychotherapeutin häufiger den sogenannten vulnerablen Narzissmus: Betroffene stellten sich selbst zwar als bedeutsam dar, zweifelten aber auch schnell an sich und machten sich klein. Die Dynamik umfasse stets beide Pole, sagte Wardetzki.
Beispielhaft nannte sie eine Frau, die sich für eine Party chic gemacht hat und vor Ort feststellt, dass alle anderen viel legerer gekleidet sind: Nachdem sie sich zu Hause "umwerfend gut aussehend" fand, habe sie sich auf der Party dann "bodenlos unsicher, wertlos und hässlich" gefühlt. Dies sei keineswegs ungewöhnlich. "Es gibt keine Graustufen, nur eine Kippfigur: toll oder furchtbar. Bester oder Loser", so die Expertin.
Wichtig für Betroffene sei, herauszufinden, wie sie selbst leben wollten: "Was wollten meine Eltern von mir sehen? Wo bin ich anders? Was will lebendig sein und durchkommen?" Dafür könne man zunächst Momente sammeln, in denen jemand "bei sich selbst" war und sich getraut habe, dazu zu stehen. Hilfreich sei auch achtsamer Kontakt zum eigenen Körper und zu beobachten, welche Gefühle auftauchen und ob ein Thema oder eine Aufgabe gerade überhaupt passend ist.
Mitunter hält vulnerabler Narzissmus Menschen nach Worten der Expertin auch in unglücklichen Beziehungen fest. Ihnen sage der "grandiose Anteil" dann etwa: "Ich halte alles aus. Ich kann alles tragen. Ich komme klar." Viele müssten mühsam lernen, sich einzugestehen, wo ihre eigene Grenze verläuft.
"Oft haben sich zwei Menschen in einen destruktiven Tanz verstrickt, kommen nicht voneinander los", sagte Wardetzki. "Doch bis einem bestimmten Punkt kann man sich gut selbst besinnen und erkennen, dass man immer gehen kann, etwa wenn der Partner einen nur noch abwertet." Damit eine Trennung gelingt, brauche es allerdings das Gefühl: "Ich habe das Recht, dass man gut mit mir umgeht, ich kann mich wehren, ich darf mich wehren."
