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Psychologin: Sonnenfinsternis spricht alle Sinne auf einmal an

Die Sonne ist die verlässlichste Größe in unserem Leben. Was passiert in unserem Kopf, wenn sie im Schatten verschwindet? Eine ganze Menge, erläutert eine Expertin für Psychologie in Extremsituationen.

Eine Sonnenfinsternis wie jetzt am 12. August weckt laut Expertenmeinung beim Menschen warnende Ur-Instinkte. "Eine totale Sonnenfinsternis fasziniert uns vor allem deshalb, weil sie extrem selten ist und all unsere Sinne auf einmal anspricht", sagte Psychologin Alexandra de Carvalho im nordrhein-westfälischen Witten der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

"Es wird nicht einfach nur dunkel: Innerhalb weniger Sekunden kühlt es spürbar ab, und die Natur verändert sich – Vögel hören plötzlich auf zu singen, und die Stimmung wirkt fast unheimlich", erläuterte Carvalho. "Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und verlassen uns darauf, dass der Tag einem festen Muster folgt. Die Sonne ist dafür die verlässlichste Größe in unserem Leben. Verschwindet sie mitten am Tag, schaltet unsere Wahrnehmung sofort vom gewohnten Alltagsmodus auf höchste Aufmerksamkeitsstufe." Carvalho forscht und arbeitet daran, Menschen für den Einsatz in Extremumgebungen vorzubereiten.

Dabei entstehe zugleich "ein Gefühl von Ehrfurcht", sagte die Psychologin. "Das ist eine Emotion, die uns erst einmal aus der Bahn wirft und verunsichert, weil wir das Erlebte nicht sofort einordnen können. Wir werden von dem Eindruck förmlich überrollt und müssen uns erst einmal sammeln." Deshalb schwanke Ehrfurcht auch immer zwischen zwei Seiten: Sie lasse die Menschen einerseits staunen, rufe andererseits aber auch ein Gefühl von Unsicherheit hervor.

Gerade im Digital-Zeitalter komme noch ein weiterer Effekt hinzu: "In unserer heutigen Welt, in der sich viele Menschen in ihren eigenen digitalen Medienblasen isolieren, schauen bei einer Sonnenfinsternis Millionen Menschen im selben Moment und in der realen Welt auf genau dieselbe Sache. Das verbindet für einen Augenblick über alle Unterschiede hinweg", sagte Carvalho über das gemeinsame Erlebnis.

Es sei wohltuend für die Seele, sich mit den Sternen zu beschäftigen, so die Expertin. "Fällt der Blick auf etwas überwältigend Großes wie die Natur oder den Nachthimmel, richtet sich die Aufmerksamkeit ganz automatisch nach außen. Das eigene Selbst tritt für einen Moment in den Hintergrund, ohne dabei an Wert zu verlieren." Dieses Erleben setze spürbare Prozesse in Gang. "Wenn die eigene Person nicht mehr übermächtig wichtig erscheint, führt das zu einer tiefen inneren Entlastung. Das ständige Grübeln über persönliche Sorgen verliert an Schärfe, weil der Alltag in ein größeres Verhältnis gerückt wird."