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Eine Odysseus-Welle hat Italien erfasst

Kein Erzählstoff aus vorchristlichen Zeiten bewegt die Menschen so wie die Odyssee. Seit der gleichnamige Film von Christopher Nolan die Kinos füllt, ist der Held aus Ithaka wieder in aller Munde - besonders in Italien.

Der Film "Die Odyssee" von Christopher Nolan ist das Kinoereignis dieses Sommers - besonders in Italien. In knapp 600 der landesweit etwa 1.000 Kinos wurde das Drei-Stunden-Epos seit Mitte Juli gezeigt. Doch "Odissea" hat in Italien mehr bewirkt als lange Schlangen an den Kinokassen und einen erhöhten Verbrauch an Popcorn und Softdrinks.

Die jüngste Verfilmung des uralten Erzählstoffs vom Helden, der unter allerlei Gefahren nach dem Sieg über Troja in die griechische Heimat Ithaka zurückkehrt, hat einen wahren Hype ausgelöst. Er wird seit Wochen in Italiens Medien diskutiert, und er ist auch Thema in Bars und Trattorien, bis hin zum Gespräch unter Wildfremden am Strand. Die Tageszeitung "Il Foglio" beglückt ihre Leser täglich mit dem Abdruck eines Original-Gesangs aus der Odyssee - allerdings nur in italienischer Übersetzung und ohne den altgriechischen Originaltext.

Ob im Strandcafé oder im gehobenen Feuilleton-Artikel - die Debatten kreisen meist um die Frage, wie viel Treue zum Original auch eine heutige Verfilmung noch erfordert. Und ob die Neuverfilmung zu viele Zugeständnisse an den Zeitgeist enthält. Oder ob er vielleicht doch eine zulässige künstlerische Freiheit und Adaption für die heutigen Zuschauer darstellt.

Dass der Stoff die Menschen so sehr bewegt, hat auch damit zu tun, dass in den bis heute weit verbreiteten klassischen Gymnasien Italiens die Dichtung des Homer seit jeher zum Lehrplan gehört. Der Ulisse, wie die Italiener den Helden Odysseus nennen, ist ihnen so vertraut wie Jesus, Franz von Assisi oder Dante.

Hinzu kommt, dass mehr als die Hälfte der Orte, die der Held auf seiner umwegigen Heimfahrt nach Ithaka anläuft und dann nach vielerlei Erlebnissen wieder hinter sich lässt, in Italien liegen. Und in diesen Orten ist jetzt ein regelrechter Odyssee-Hype im Gang: Ob am Vulkan Stromboli, an der Meerenge von Messina oder bei den Höhlen der Nymphe Kirke südlich von Rom - überall wollen Italien und Touristen plötzlich die Orte sehen, die auch in der Odyssee eine wichtige Rolle spielen.

Vor allem auf den Äolischen (Liparischen) Inseln, zu denen Stromboli gehört, ist der Odysseus-Tourismus-Effekt laut italienischen Medienberichten bereits spürbar. Allerdings können die Einheimischen den Kinofilm, der den Boom auslöste, dort gar nicht im Kino sehen; denn ein solches gibt es auf der gesamten Inselgruppe nicht. Für den Film "Odissea" müssen sie erstmal mit dem Schiff rüber nach Sizilien fahren.