Medizinethiker: Leihmutterschaft birgt Gefahr der Ausbeutung
Das Thema Leihmutterschaft wird gerade diskutiert. Anlass: Jens Spahn und sein Ehemann sind Eltern geworden. Sie nutzten eine Leihmutter in den USA. Hierzulande ist das Verfahren verboten. Es gibt viele ethische Gründe.
Freiburg (KNA) Die Nutzung einer Leihmutter aus den USA durch den Unions-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn und dessen Ehemann Daniel Funke bewegt viele Menschen in Deutschland. Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio sieht die Praxis der Leihmutterschaft generell kritisch.
Sie berge die Tendenz, die Mutter "auf ihre austragende Funktion zu reduzieren, sie selbst zu einem Objekt zu machen", sagte Maio am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). In einer Leihmutterschaft sei die Gefahr der Instrumentalisierung oder gar Ausbeutung der Leihmutter virulent, betonte der Lehrstuhlinhaber für Medizinethik an der Universität Freiburg.
Zugleich sei das Kindeswohl berührt. "Kann es im Interesse des Kindes sein, unter solchen Bedingungen zu entstehen und heranzuwachsen?", fragte der Freiburger Professor, der Mitglied im Ausschuss für ethische und juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer ist.
Denn bei der Leihmutterschaft werde von vornherein ein Abbruch der in der Schwangerschaft entstandenen Verbindung zwischen Leihmutter und Kind programmiert, sagte Maio. "Das heißt, dass dem Kind ein Beziehungsbruch zugemutet wird." Ein solcher Abbruch der Beziehung und abrupter Beziehungswechsel erscheine als etwas Traumatisierendes.
Als Leihmütter werden Frauen bezeichnet, die für die Dauer einer Schwangerschaft ihre Gebärmutter sozusagen "verleihen", um für eine andere Person ein Kind zu gebären.
In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz jede ärztliche Leistung, die eine Leihmutterschaft ermöglichen würde, und stellt diese unter Strafe. Ebenfalls ist die Vermittlung von Leihmüttern hierzulande laut Adoptionsvermittlungsgesetz verboten; anders als in mehreren US-Bundesstaaten, wo das Verfahren unter bestimmten Bedingungen zulässig ist.
Weiter sagte der Medizinethiker: Leihmütter seien in dem Bewusstsein, das Kind wieder abgeben zu müssen, zumeist darauf bedacht, sich emotional von dem Kind in ihrem Leib "abzuspalten". Viele Studien belegten diese Distanzierung von Leihmüttern von den Kindern in ihrem Körper. "Es gibt sogar Agenturen, die die Leihmütter zu einer solchen emotionalen Distanznahme geradezu anleiten", so Maio.
Der Ethiker widersprach der These, dass der Abbruch der Beziehung direkt nach der Geburt bedeutungslos für das Kind bleibe. Dagegen sprächen empirische Befunde, die belegten, "dass sich das Kind vorgeburtlich an die Stimme und Sprache der Mutter gewöhnt und diese nach der Geburt wiedererkennen kann".
Und noch etwas sei zu bedenken: Werde das Kind zum Gegenstand einer kommerzialisierten Vereinbarung, werde es "implizit auf eine Ware reduziert". Was es also in Deutschland zu vermeiden gelte, sei die Zulassung einer Praxis, "die in die Nähe von Kinderhandel rückt und in der es zu einer Degradierung des Kindes zum Objekt kommt". Die Grenze des Vertragsrechts verlaufe dort, "wo das Kind zu einer Erwerbsquelle herabgewürdigt wird".
