Hirnforscher: Digital bezahlen schmerzt weniger - Hemmschwelle sinkt
Wer kennt ihn nicht, den "Schmerz des Bezahlens"? Eine neurowissenschaftliche Studie legt nahe, dass digitales Bezahlen per Kreditkarte oder App weniger schmerzt als das Bezahlen mit Münzen oder Scheinen. Das hat Folgen.
Tübingen (KNA) Etwas zu bezahlen, ist ein bemerkenswerter Vorgang: Denn es wechselt nicht nur Geld den Besitzer; man spürt Geldausgeben auch psychisch - irgendwie unangenehm und schmerzlich. Doch tut digitales Bezahlen per EC-Karte oder Smartphone weniger weh als Bezahlen mit Münzen oder Scheinen?
Ja, sagen die Autoren einer nun veröffentlichten Studie eines internationalen Forschungsteams unter Beteiligung des Uniklinikums Tübingen. Die durch Hirnforschung gewonnenen Erkenntnisse legen nahe, "dass Zahlungsformen, bei denen der Bezahlvorgang weniger unmittelbar erlebt wird, auch als weniger emotional schmerzhaft empfunden werden".
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass der "Schmerz des Bezahlens" (Pain of Paying) nicht nur eine Redewendung ist. Der Bezahlschmerz sei offenbar ein realer Bestandteil finanzieller Entscheidungen; und er könne helfen zu erklären, warum manche Zahlungsarten stärker zum Konsum verleiten als andere. Die Erkenntnisse seien damit relevant für Verbraucher, für Finanz-Apps und die Gestaltung transparenter Zahlungs- und Abo-Modelle.
Denn bargeldloses, digitales Bezahlen wird immer einfacher und geht zugleich fast unsichtbar vonstatten: mit Kreditkarte oder EC-Karte, per Smartphone, im Abo-Modell oder über automatische Abbuchung. Nach aktuellen Zahlen der Deutschen Bundesbank wurden 2025 in Deutschland erstmals mehr Einkäufe bargeldlos als mit Bargeld bezahlt.
Die Wissenschaftler fragten nun: "Was passiert, wenn der unangenehme Moment des Bezahlens immer weniger spürbar wird?" Sie untersuchten, was im Gehirn passiert, wenn Menschen Geld ausgeben. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, "dass Bezahlen tatsächlich schmerzt - allerdings nicht wie ein körperlicher Schmerz, sondern eher wie ein unangenehmes emotionales Erlebnis".
Das Forschungsteam untersuchte in einem seiner Experimente die Hirnaktivität während realer Kaufentscheidungen, mithilfe von Magnetresonanztomografie (MRT). Beim Bezahlen seien vor allem Netzwerke im Gehirn angesprochen worden, "die mit der emotionalen Verarbeitung von Schmerz zusammenhängen". Verknüpfungen im Gehirn, die körperlichen Schmerz melden, "standen hingegen nicht im Vordergrund", erklärt Hilke Plassmann von der Wirtschaftshochschule Insead.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass finanzielle Entscheidungen nicht allein von Preisen, Budgets oder rationalen Kosten-Nutzen-Abwägungen abhängen", so Axel Lindner von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Tübingen. "Entscheidend ist auch, wie sich das Bezahlen anfühlt."
Nina Mazar von der Boston University in den USA ergänzte: "Der unangenehme Moment des Bezahlens könnte ein emotionales Warnsignal sein, das Menschen dabei hilft, Ausgaben bewusster zu tätigen." Bei digitalen Zahlungsformen könne dieses Signal allerdings abgeschwächt werden.
