Studie: Hygienemängel in häuslicher Pflege schaffen Milliardenkosten
In Deutschland werden 4,9 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt, meist durch Angehörige. Mit der Hygiene hapert es oft. Die Folge: Infektionskrankheiten bei Pflegebedürftigen - und Folgekosten in Milliardenhöhe.
Mannheim (KNA) Mangelnde Hygiene in der häuslichen Pflege durch Angehörige in Deutschland wird einer Studie zufolge als Risikofaktor für Infektionskrankheiten unterschätzt. Steckten sich Pflegebedürftige zu Hause mit eigentlich vermeidbaren Krankheiten an, sei oft ein Krankenhausaufenthalt die Folge, heißt es in der Untersuchung der Universitätsmedizin Mannheim. Unzureichende Hygiene und mangelhafter Infektionsschutz in der häuslichen Pflege verursachten daher jährlich Kosten in Milliardenhöhe.
In Deutschland werden rund 4,9 Millionen pflegebedürftige Menschen zu Hause versorgt. Dies geschieht überwiegend durch sogenannte informell Pflegende, also Angehörige oder andere nahestehende Personen. Für die professionelle Pflege - ob stationär oder ambulant - sollen strenge Vorgaben nach dem Infektionsschutzgesetz Hygiene und Infektionsschutz sicherstellen. Dagegen gebe es "in der häuslichen Pflege keine gesetzlichen Vorgaben, die Privatpersonen im Alltag vorschreiben, wie sie zu putzen oder zu pflegen haben", so die Autoren der Studie.
Unzureichende Hygienestandards seien mit einem erhöhten Risiko für Lungenentzündung, Harnwegsinfektionen oder Blutvergiftung (Sepsis) verbunden. Diese Krankheiten machten häufig einen Krankenhausaufenthalt nötig. Oft verschlechtere eine Infektion die Pflegesituation dauerhaft, was wiederum einen höheren Pflegegrad nach sich ziehe. Die direkten Kosten von Komplikationen, die mit mangelnder Hygiene zusammenhängen, schätzt die Studie auf mindestens 6,1 Milliarden Euro jährlich.
Tritt eine solche Komplikation beim Pflegebedürftigen auf, entstünden bei den Angehörigen Fehlzeiten bei der Arbeit durch zusätzlichen Koordinationsaufwand und Begleitung des Patienten zur Behandlung. Für die geschätzt drei Millionen berufstätigen pflegenden Angehörigen rechnet die Studie mit jährlich rund zwölf Millionen Ausfalltagen - und daraus resultierenden Kosten durch Produktivitätsverluste am Arbeitsplatz von etwa 2,7 Milliarden Euro.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Hygiene und Infektionsschutz im häuslichen Umfeld gab es nach Angaben der Mannheimer Mediziner bislang kaum. Die jetzige Analyse habe "erstmals systematisch den Zusammenhang zwischen Hygiene, Infektionsschutz und Kosten im häuslichen Pflegesetting in Deutschland" erforscht. Nötig seien mehr Prävention durch verbesserte Hygienemaßnahmen, niedrigschwellige Beratung im häuslichen Umfeld und verbesserte Schulungsangebote, so der Arzt und Ökonom Konrad Obermann.
