Sozialpsychologin: Erdogans Revolver-Geschenk ist "Beziehungstest"
Ein Geschenk als Machtspiel? Erdogans Revolver für Staats- und Regierungschefs war nach Einschätzung einer Sozialpsychologin ein kalkulierter Beziehungstest. Was solche Provokationen verraten.
Bonn (KNA) Ein Revolver samt Munition als Geschenk - darauf muss man, wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Nato-Gipfel, erst einmal kommen. Mit "provozierenden Geschenken" wie diesen erzeuge die schenkende Person ein Machtgefälle, sagte die Sozialpsychologin Britta Krahn der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): Sie rücke sich "in eine machtvolle Position gegenüber den Beschenkten, denen lediglich eine Reaktion im Rahmen der diplomatischen Konventionen bleibt".
Diese "Pole-Position" habe der türkische Präsident geschickt und wohl bewusst ausgespielt, um seine Position mit einem starken Symbol zu demonstrieren, erklärte Krahn, die an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg lehrt. Damit gerieten die Beschenkten "automatisch und erwartungsgemäß in eine eher schwächere Position des Reagierens in eng gesteckten Grenzen".
Diese Situation komme "regelrecht einem Beziehungstest gleich, den unpassende oder bewusst provokante Geschenke häufig auslösen (sollen)". Die schenkende Person teste damit aus, wie gefestigt die eigene Position im Verhältnis zur anderen sei, wie weit sie gehen könne und wie die Reaktion des Gegenübers ausfalle. Der Schenkende habe dieses Signal gekonnt zu platzieren gewusst - konkret: "Ich kann das machen (ihr nicht) und niemand hält mich auf."
Ein Geschenk kann laut Krahn als besondere Form der Kommunikation und Ausdruck einer Verbundenheit - ob positiv oder belastet - verstanden werden. "Es ist immer Ausdruck eines Motivs und enthält immer eine Botschaft."
Erdogan hatte am Mittwoch allen teilnehmenden Staats- und Regierungsgästen einen Revolver mit dem eingravierten Namen jedes Beschenkten samt Ausfuhrgenehmigung sowie eine Schachtel mit Munition geschenkt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) übergab die Waffe anschließend der deutschen Botschaft, damit diese später in die Sammlung offizieller Geschenke aufgenommen werden kann.
Die diplomatischen Konventionen ließen "einer individuellen Reaktion auf dieses Fail-Geschenk sicherlich deutlich weniger Spielraum als andere Situationen", erklärt Sozialpsychologin Krahn. Insofern seien die Danksagung, Entschärfung und korrekte Einfuhr mit anschließender Inventarisierung ohne weitere Kommentierung sicherlich eine passende Reaktion, die die Botschaft des Schenkenden gleichsam entschärfe. "Das Signal ist aber sicherlich angekommen."
