Studie zur Eheberatung: Paare suchen oft zu spät Hilfe beim Profi
Wer hat die Zahnpastatube wieder aufgelassen? Mit kleinen Alltagskonflikten wie diesen kämpfen alle Paare. Problematisch wird es, wenn sich Streitereien im Beziehungsalltag verfestigen, so eine Untersuchung.
Freiburg (KNA) Paartherapie ist grundsätzlich ein guter Weg aus einer Beziehungskrise - allerdings nur, wenn sie rechtzeitig erfolgt: Wer es endlich in den Therapieraum schaffe, bringe dagegen meist eine Partnerschaft im Endstadium mit, so das Ergebnis einer neuen Studie der Katholischen Hochschule Freiburg.
"Besonders entscheidend ist, dass viele Paare erst sehr spät in die Beratung kommen, wenn sich Konflikte bereits über Jahre verfestigt haben und die Beziehung stark belastet ist", erklärt der Psychologe und Psychotherapeut Christian Roesler.
Er untersuchte die Wirkung von Paartherapie demnach unter realen Bedingungen; dabei zeigte sich, dass die Erfolge unter diesen Voraussetzungen geringer ausfielen als bei bisherigen klinischen Studien. Unter künstlich optimierten Laborbedingungen mit handverlesenen Klienten erzielt Paartherapie demnach in der Regel "hervorragende Effektstärken". Im echten Leben dagegen waren die Effektstärken nur ungefähr halb so groß.
Der Grund dafür liege in der Härte des Alltags, hieß es weiter. Im Gegensatz zu den glatten Teilnehmerlisten der Laborstudien bringen die realen Klienten laut Roesler handfeste Krisen und chronisch unsichere Bindungsmuster mit. "Entscheidend ist am Ende weniger die Frage, ob Paartherapie wirkt, sondern unter welchen Bedingungen sie wirkt - und wie wir Paare früher erreichen können", so der Forscher.
Als besonders belastend für eine lange und glückliche Beziehung sei insbesondere die fehlende Zeit füreinander: Viele Paare jagen demnach einem unreflektierten, hochromantischen Ideal hinterher und landen unvorbereitet in der ersten harten Krise. Die Paare in den Studien verbrachten im Schnitt demnach nur 15 bis 17 Stunden Freizeit pro Woche miteinander.
Gleichzeitig zeigen die Daten, dass weniger als 40 Prozent der Paare eine deutlich verbesserte Beziehungssituation erreichen. "Wir sehen über alle Studien hinweg, dass etwa die Hälfte der Paare die Therapie vorzeitig beendet. Das beeinflusst die Ergebnisse erheblich und gehört zur Realität der Versorgung", so Roesler.
Wer gegensteuern wolle, bevor das Fundament Risse bekomme, könne die Einschätzung seiner Beziehung selbstständig vornehmen, empfiehlt Roesler. Die Plattform www.lotsenportal.de bietet demnach einen kostenfreien Fragebogen, mit dem Paare ihre Beziehungsqualität anonym selbst einschätzen können, um bei Bedarf gezielt zu passenden Unterstützungsangeboten gelotst zu werden.
Dies sei durchaus sinnvoll, so der Psychologe. Das Risiko, nach einer Trennung an einer Depression zu erkranken, schnelle statistisch um 188 Prozent in die Höhe.
