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Mord, Unfall, Suizid: Wie Zeugen von Schockerlebnissen Hilfe finden

Zeugen von Ereignissen wie in Stade benötigen oft Hilfe. "Viele Leute wissen nicht: Ich kann tatsächlich 112 anrufen und sagen: 'Ich brauche keine Löschfahrzeuge. Ich brauche einen Notfallseelsorger", sagt ein Experte.

Der Sechsfachmord im niedersächsischen Stade hat das Thema Notfallseelsorge erneut in die Öffentlichkeit gerückt: Wer Zeuge eines Verbrechens, schweren Unfalls oder Suizids wird, kann und sollte sich laut Experteneinschätzung seelische Unterstützung holen.

"Viele Leute wissen nicht: Ich kann tatsächlich 112 auch anrufen und sagen: 'Ich brauche keine Löschfahrzeuge. Ich brauche einen Notfallseelsorger'", sagte der evangelische Pfarrer Albi Roebke der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Roebke ist hauptamtlich als Koordinator der Notfallseelsorge in der Region Bonn/Rhein-Sieg tätig. Bundesweit sind etwa 10.000 Notfallseelsorger im Einsatz.

Dieses Angebot gebe es flächendeckend in Deutschland erst seit 25 Jahren, daher seien besonders ältere Polizisten und Feuerwehrleute oft vor allem auf die körperlich Verletzten fokussiert, erläuterte Roebke. Zeugen spielten für Einsatzkräfte dann vor allem durch ihre Aussage eine Rolle. "Dass sie eventuell eine psychische Not haben, ist sozusagen nicht deren professioneller Blickwinkel. Da ist es unsere Arbeit, immer weiter zu sensibilisieren", sagte der Experte.

Wenn Menschen unvorbereitet mit Tod, Gewalt oder großer Gefahr konfrontiert seien, setze oft eine typische Reaktion ein, sagte Roebke: "Dann kommt so ein Notfallprogramm von unserem Hirn. Das ist ein Schutzmechanismus. Der äußert sich darin, dass ich eben gar nicht mehr weiß, was ich will. Deswegen müsste jemand von außen daran denken. Dann sind auch Familie, Freunde und Bekannte gefragt, die merken: Die Tochter kommt nach Hause mit den Worten 'Ich habe gerade jemanden auf der Straße reanimiert' und reagiert komisch."

Die plötzliche Konfrontation mit dem Tod bedeute auch eine Krise: "Das ist eine Erschütterung des Vertrauens in das Funktionieren der Welt. Dann ist meine Seele sozusagen in Panikmodus: Wenn das passieren kann, dann ist nichts mehr sicher", sagte der Seelsorger.

Notfallseelsorge stehe auf drei Säulen, so Roebke: "Da ist einmal, dass wir den Leuten ihr eigenes Verhalten erklären. Sie kennen sich unter Schock nicht. Es ist aber eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis. Das Zweite ist die Eigenmächtigkeit: dass wir die Leute wieder in Entscheidungsfähigkeit bringen." Er sei einmal mit Kindern nach einem Schockerlebnis Eis essen gegangen, um sie in die Normalität zurückzuholen. "Zu sagen 'Ich bekomme Erdbeereis', ist eine fundamentale Kontrollerfahrung." Denn der dritte Teil ist die Rückführung: "Wie kann ich wieder Kontrolle in mein Leben kriegen?"

Wichtig sei, schnell einzugreifen, so der Experte. Denn das Gehirn bilde zwar eine Schutzmauer. "Wenn die Situation aber vorbei ist, dann wird die auch wieder runtergefahren und erst dann kommt die Erfahrung emotional an. Deswegen wollen wir von der Notfallseelsorge immer möglichst nah an ein Ereignis heran. Um die Leute im Schock zu begleiten - auch aus dem Schock zurück in die Selbstkontrolle."

Das passiere am besten vor der ersten Nacht nach dem Schockerlebnis: "Der erste, längere Schlaf ist ganz wichtig, dann fängt das Gehirn schon an, von sich aus zu verarbeiten - oder auch nicht."