Nie gut genug? - Perfektionismus belastet junge Menschen immer mehr
Leistung bringen, ständig vergleichen, bloß keinen Fehler machen: Der soziale Druck auf junge Leute wächst offenbar seit Jahren. Fachleute sehen darin mehr als ein persönliches Problem - und warnen vor massiven Folgen.
Washington (KNA) Junge Menschen leiden verstärkt unter perfektionistischen Ansprüchen: Diese steigen seit rund 35 Jahren - besonders stark seit den frühen 2000er Jahren, wie die Psychologen Thomas Curran, Andrew Hill und Pia Marie Pose herausgefunden haben. Über ihre Studie berichten sie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Psychological Bulletin". Vor allem der wahrgenommene soziale Druck nehme zu. Er verstärkte Sorgen und Zweifel bezüglich möglicher eigener Fehler und Handlungen.
Das Forschungsteam hat 307 Langzeit-Untersuchungen unter insgesamt mehr als 82.000 Studierenden aus den USA, Kanada und Großbritannien ausgewertet, wie es heißt. Dabei habe sich ein Zusammenhang zu wachsender Einkommensungleichheit und einem sinkenden Bruttoinlandsprodukt gezeigt. Trotz vorbeugender Maßnahmen sei zudem die Verbindung zwischen Perfektionismus und psychischen Belastungen wie Depressionen und Ängsten konstant geblieben.
Der Erfolgsdruck, den junge Menschen wahrnehmen, verstärkt sich demnach - umso mehr, je schwerer dieser Erfolg zu erreichen ist und je schwerwiegendere Folgen sein Ausbleiben hat. Soziale Medien und die Effekte der Corona-Pandemie hätten diese Trends vermutlich beschleunigt, so das Forschungsteam. Und: "Die zunehmende Angst, Fehler zu machen, stellt mittlerweile ein erhebliches Problem für die öffentliche Gesundheit dar."
Grundsätzlich definieren die Fachleute Perfektionismus als "übertrieben hohen Standard, begleitet von harscher Selbstkritik". Beim sozialen Perfektionismus gehen Betroffene demnach davon aus, dass das Umfeld übermäßige Ansprüche an sie stelle - und verlangen daher immer mehr von sich selbst. Diese Entwicklung gehe oft mit "zunehmender Unentschlossenheit, Unsicherheit und Angst vor Fehlern" einher. Wichtig sei, neben individuellen Maßnahmen auch soziokulturelle Entwicklungen in den Blick zu nehmen.
