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Historikerin: Ein gewählter Tyrann kann grausamer agieren

"Es war von Anfang an klar, dass Donald Trump und seine Leute zu allem bereit waren", meint die Historikerin Christina Morina. Doch es schien, "als hatte sich die Mehrheit der Gesellschaft freiwillig in Tyrannei begeben".

Die Historikerin Christina Morina attestiert den US-Amerikanern einen Mangel an "demokratischem Katastrophenbewusstsein". "Es war von Anfang an klar, dass Donald Trump und seine Leute zu allem bereit waren", sagte die in der DDR geborene Professorin für Zeitgeschichte im Interview der "Süddeutschen Zeitung".

Die "schlimmsten Eskalationen", bis hin zur Tötung von US-Bürgern durch Agenten der Einwanderungsbehörden und bis zum Angriffskrieg, "hätten vielleicht vermieden werden können, wenn es mehr Katastrophenbewusstsein gegeben hätte", so Morina. Man habe sich das alles aber "einfach nicht vorstellen" können.

Dass Trump aber zugleich auf allen Ebenen auf Widerstände treffe, spreche wiederum "für die Stärke der gewachsenen amerikanischen Demokratie". Da sei über 250 Jahre hinweg eine demokratische Standhaftigkeit im Alltag entstanden, die sich nicht so leicht zerstören lasse.

Morina wurde 1976 in Frankfurt an der Oder geboren. Sie ist Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld. Von 2024 bis 2025 lehrte sie als Gastprofessorin an der New School For Social Research in New York und erlebte dabei die Wiederwahl Donald Trumps und deren Auswirkungen im Alltag. Ihr neues Buch "Das amerikanische Beben" basiert auf diesen Erfahrungen.

"Die liberale Demokratie verspricht außerordentlich viel", führte Morina aus. Aber es liege zugleich in ihrem Wesen, dass sie diesen Ansprüchen nie voll gerecht werde, "dass die verfassungsmäßigen Ideale zumindest bislang noch nie für alle Menschen eins zu eins galten". In den USA hätten sich die Demokraten das am stärksten auf ihre Fahnen geschrieben, doch sie hätten zu wenig gegen soziale Ungerechtigkeiten getan. "Diese Unzulänglichkeit lässt sich angesichts realer Nöte weidlich für politische Mobilisierung und Radikalisierung ausnutzen".

Liberale Politik stecke in dieser Frage in einem Dilemma, führt die Historikerin aus. "Eigentlich müsste man klar sagen: Es ist wichtig, dass wir hohe Ansprüche haben, aber man muss es aushalten, dass man ihnen wohl nie ganz gerecht wird. Aus Angst, nicht wiedergewählt zu werden, sagt das aber niemand." Das sei dann ein Hebelpunkt für jene, die "behaupten, sie könnten mit schnellen Lösungen alle Ansprüche hundertprozentig erfüllen".

Morina zitiert in Zusammenhang mit Trump die Idee der "Volkstyrannei", die der anglo-irische Staatsphilosoph Edmund Burke 1790 formulierte. Im radikalrechten Lager beriefen sich heute viele auf diesen "klugen, erzkonservativen Vertreter des antidemokratischen Denkens", sagte sie.

Nach den Erfahrungen der Französischen Revolution habe Burke Demokratie als die Tyrannei der Mehrheit betrachtet. "Aber zugleich beschrieb er präzise, dass ein Machthaber, der sich auf seine demokratische Wahl und den Jubel der Massen berufen darf, besonders grausam und rücksichtslos agieren kann." Ebenso, dass jene, die ihn nicht gewählt haben, "sich von der Mehrheitsmacht ihrer Mitmenschen besonders bedroht fühlen".

Genauso stelle sich für sie die Lage nach der Wahl Trumps im November 2024 dar; "eines Mannes, der doch ausdrücklich gesagt hatte, dass er Diktator sein will". Es schien, so Morina, "als hatte sich die Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft freiwillig in die Tyrannei begeben".