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Jesuit und Klimaaktivist Alt: Deutschland auf Weg zur Oligarchie

Der Jesuit Jörg Alt stellt die Systemfrage: Ist die Demokratie noch stark genug, um das Gemeinwohl zu sichern und das Klima zu retten? Reiche Eliten und rechte Populisten nähmen die Demokratie in die Zange.

Der wegen seiner Klimaschutzproteste bekannte Jesuitenpater Jörg Alt wirft der Bundesregierung vor, nur die Interessen der Reichen und Wirtschaftseliten in Deutschland zu vertreten. "Unsere Demokratie nähert sich dem oligarchischen Modell an, bei dem es vor allem um noch mehr Reichtum der Reichen und um noch mehr Macht der Mächtigen geht. Gleichzeitig wächst die Gefahr rechtsextremer Populisten, die mit Sündenbockjagd und einfachen Lösungen an Einfluss gewinnen", sagte Alt am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Das Streben nach Gemeinwohl und damit auch der Kampf gegen Klimawandel und Artensterben träten dahinter zurück, kritisierte Alt. Die aus seiner Sicht vor allem von Lobbyisten für fossile Energien bestimmte Politik von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sei ein Skandal. "Der frühere Black-Rock-Manager Friedrich Merz schaut dem tatenlos zu", sagte Alt. Merz war von 2016 bis 2020 für die US-Investmentgesellschaft Black Rock tätig.

Der Jesuitenpater, der sich in der Umweltbewegung Letzte Generation engagiert, argumentierte, dass es "den herrschenden, rechten und reichen Eliten gelungen ist, die Klimaproteste zu kriminalisieren und damit abzubügeln".

Er stelle sich daher inzwischen die Systemfrage, sagte Alt: "Kapitalismus und Demokratie folgen entgegengesetzten Logiken, wie es der Berliner Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel eindrücklich beschrieben hat."

Vielleicht sei es an der Zeit, einzusehen, dass die Demokratie in Deutschland zu scheitern droht, weil sie einer "doppelten Zangenbewegung der profitorientierten Reichen und rechtsextremen Populisten" keine Grenzen setzen könne, sagte der Jesuitenpater. "Anders kann ich mir das völlige Versagen im Blick auf die größte Gefahr für das Gemeinwohl, den Klimawandel, nicht erklären." Die Erfahrung mit Bürgerräten zeige, dass große Mehrheiten in der Bevölkerung zu sehr viel Veränderung bereit wären.

Alt zeigte sich verbittert, dass die politischen Instrumente für mehr Klimaschutz längst bekannt seien, aber nicht umgesetzt würden. Der "öl-, gas- und putinfreundlichen Allianz der Reichen und Rechten" sei es gelungen, den von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ausgerufenen Green Deal für Europa zu verwässern. Statt in erneuerbare Energien, flössen weiterhin Milliardensubventionen in fossile Energien, immer wieder gebe es Ausnahmeregelungen für Verbrennermotoren und fossil betriebene Heizungen.

"Der Ukraine-Krieg hätte für Deutschland und Europa der Wendepunkt hin zur Klimaneutralität sein können. Das Gegenteil ist geschehen", kritisierte Alt. Dennoch glaube er noch an die Chance zum Wandel, sagte der Theologe. "Ich gebe nicht auf, Menschen davon zu überzeugen, sich für das Richtige zu engagieren." Er setze auch auf die Kraft der Kirchen, mit langem Atem für das Gemeinwohl zu streiten.

Alt hatte sich in den vergangenen Jahren an mehreren Klima-Protestaktionen in Nürnberg, Berlin und München beteiligt. Für die Beteiligung an einer Straßenblockade in München wurde er in der vergangenen Woche erneut zu einer Geldstrafe verurteilt.