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KI trifft auf Keilschrift - Deutsche Forscher sprechen von Revolution

Tausende Stunden mühsamer Entzifferungsarbeit gespart: Würzburger Keilschrift-Forscher nutzen neuerdings Künstliche Intelligenz, um die uralten Zeichen zu entschlüsseln.

Als die Keilschrift entstand, war Künstliche Intelligenz noch fern - heute hilft sie, jahrtausendealte Tontafel-Zeichen zu entziffern. Forscher der Julius-Maximilians-Universität Würzburg haben dazu nach eigenen Angaben ein neues KI-Werkzeug entwickelt. Das Programm "Palaeographicum" revolutioniere die Erforschung der Kulturen im Alten Orient, erklärten sie am Montag. "Es erkennt individuelle Varianten einzelner Keilschriftzeichen - ein enormer Fortschritt für die Wissenschaft."

In den drei Jahrtausenden vor Christi Geburt blühte im Vorderen Orient eine Hochkultur, die viele Informationen hinterlassen hat, wie es in der Mitteilung heißt. Diese Informationen stünden auf Tontafeln - in Keilschrift. "Bei dieser Art des Schreibens wurden keilförmige Schriftzeichen mit Schreibgriffeln in feuchte Tontafeln gedrückt, die schließlich getrocknet wurden."

Die meisten Tafeln seien im Lauf der Zeit zerbrochen, ihre Fragmente heute über Museen auf der ganzen Welt verstreut. Die Altorientalistik stehe daher vor einer komplexen Aufgabe: "Sie muss die Bruchstücke richtig zusammensetzen. Erst dann ist es möglich, die kompletten Dokumente zu lesen und Informationen über das Leben im Alten Orient zu gewinnen."

Forscherinnen und Forscher der Uni Würzburg sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz befassen sich damit seit Jahren. Ihr Schwerpunkt liegt nach eigenen Angaben auf der Kultur der Hethiter, die vor 3.500 Jahren im heutigen Anatolien lebten. Das "Alphabet" dieses Volks sei umfangreich: Es setze sich aus 375 Keilschriftzeichen zusammen, die für Silben, aber auch für ganze Wörter stünden.

Das "Palaeographicum" erkenne nun auf digitalisierten Fotos die individuelle Form einzelner Zeichen und suche im gesamten Tontafelfundus nach identisch oder ähnlich geschriebenen Symbolen. Dann schneide es die Zeichen aus den Fotos aus und stelle sie in Bildertabellen zusammen. Die aktuelle Version biete Zugriff auf 70.000 Fotos, auf denen mehr als fünf Millionen Keilschriftzeichen dokumentiert seien.

"Die individuelle Form der Zeichen ist für die Forschung sehr wichtig, denn damit lassen sich einzelne Schreiber unterscheiden", so die Uni. Erkenne man die Eigenheiten der Schreiber, erleichtere das die Arbeit beim Zusammenfügen der Tontafel-Fragmente.

"Das 'Palaeographicum' verändert unsere Arbeit radikal", sagt Daniel Schwemer, Leiter des Lehrstuhls für Altorientalistik an der Uni Würzburg. Damit ließen sich Tausende Arbeitsstunden sparen.