Suchtforscher sieht mehr Offenheit gegenüber illegalen Drogen
"Microdosing" ist ein Social-Media-Trend, das Narkosemittel Ketamin ist unter Promis beliebt. Nun wirbt ein Experte im Hinblick auf illegalen Drogenkonsum junger Menschen um Gelassenheit: Die Probleme lägen anderswo.
Weinheim (KNA) Die Offenheit gegenüber illegalen Drogen hat sich nach Worten eines Suchtforschers verändert: "Wir nehmen den Konsum mehr wahr, weil er nicht mehr so sehr auf bestimmte Milieus festgelegt ist", sagte Bernd Werse der Zeitschrift "Psychologie Heute" (Juni-Ausgabe). Seit 1968 oder in den 1990er Jahren seien LSD oder Ecstasy vor allem in der Hippie- beziehungsweise Techno-Szene verbreitet gewesen. Heute gelte Kiffen eher als uncool, "wenn auf einmal der eigene Vater anfängt, über Cannabissorten zu fachsimpeln".
Zudem sei die Gesellschaft kritischer gegenüber Alkohol geworden, sagte der Experte. "Gleichzeitig hat sich das Wissen darum erhöht, dass zum Beispiel der gelegentliche Konsum von Psychedelika oder MDMA, dem Wirkstoff von Ecstasy, nicht zwangsläufig schädlich sein muss." Bei illegalen Stoffen gehe es grundsätzlich um eine kleine Minderheit, die sie überhaupt konsumiere, und meist probierten die Menschen sie ein einziges Mal aus. "Bei den wenigsten führt das allerdings zu einem regelmäßigen oder gar abhängigen Konsum."
Junge Menschen seien insgesamt vorsichtiger als früher, fügte Werse hinzu. Eine mögliche Erklärung dafür sei, "dass die digitale Ablenkung durch das Internet und die sozialen Medien einfach zu viel Zeit einnimmt und man weniger unmittelbaren Kontakt zu Gleichaltrigen hat - was im Normalfall die Situationen sind, in denen Jugendliche konsumieren."
Problematisch sei vielmehr eine Verschärfung der Lage in der "urbanen harten Szene", sagte der Frankfurter Professor für Soziale Arbeit. Dort gebe es "eine Tendenz zu mehr Mischkonsum. Das kann man ablesen an den Drogentotenzahlen, die bis vorletztes Jahr gestiegen sind. Früher sind Menschen vor allem an einer Überdosis Heroin gestorben. Heute ist oft ein Drogencocktail die Todesursache, also drei oder vier verschiedene Substanzen gleichzeitig."
