Philosoph: Jeder sollte sich mindestens einmal nach dem Sinn fragen
Über den Sinn des Lebens nachzudenken, ist nach Einschätzung eines Philosophen nicht nur etwas für sein Fachgebiet. Er erklärt, warum diese Frage für die ganze Gesellschaft wichtig ist - und wie er sie beantwortet.
Weinheim (KNA) In der Jugend mindestens einmal kritisch auf Sinnfragen schauen: Dafür plädiert der Philosoph Michael Zichy. Dies könne Menschen gegenüber politisch gefährlichen Situationen widerstandsfähiger machen, sagte er der Zeitschrift "Psychologie Heute" (Juni-Ausgabe). "Man halte sich nur vor Augen, wie stark der Nationalsozialismus die Menschen mit seinen Sinn- und Heilsvisionen in seinen Bann ziehen konnte."
In Krisenzeiten stellten sich Fragen nach dem Sinn des Lebens verstärkt, erklärte der Autor weiter. Sein Buch "Anderen wichtig sein. Eine Philosophie des Lebenssinns" ist im Herbst erschienen. Orientierungsmuster, die Menschen bislang Halt gegeben hätten, müssten angesichts von Klimakrise, Corona-Epidemie oder Kriegen neu zurechtgelegt werden. Dazu gehöre die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens.
Als "Königsweg zum Sinn" sehe er tiefe zwischenmenschliche Beziehungen, erklärte Zichy: "gute Freundschaften, Liebes- oder Eltern-Kind-Beziehungen". Es stifte Sinn, wenn man anderen wichtig sei, diese Menschen ernsthaft an einem interessiert seien. Karriere, finanzieller Erfolg oder soziale Anerkennung seien "nicht unwichtig, aber entscheidend sind qualitätsvolle zwischenmenschliche Beziehungen".
Wenn Menschen indes von anderen unabhängiger werden wollten, sehe er dies zweischneidig: "Zum einen ist es wichtig, sich von fremden Einflüssen und Abhängigkeiten freizumachen, um zu entdecken, wer man wirklich ist und was man wirklich will." Allerdings lasse sich dies oft nur im Austausch erkennen. Zichy: "Es gilt also, die richtige Balance zwischen dem Eigenen, den anderen und - als dritter Faktor - dem Wertvollen beziehungsweise dem Guten zu finden."
