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Soziologin: Kinder mit Behinderung und ihre Familien oft unsichtbar

Von Therapieplänen bis Finanzierungslücken kämpfen Eltern von Kindern mit Behinderung mit vielen zusätzlichen Herausforderungen. Eine Soziologin erklärt, welche Unterstützung sie bräuchten.

Ein Kind mit Behinderung fordert die Eltern massiv: Durchschnittlich zwei Stunden zusätzliche Pflege investierten sie täglich, wie Soziologin Nicoletta Balbo am Dienstag bei einer Veranstaltung des Einstein Centers Population Diversity vorrechnete. Eltern verstünden sich vielfach als "Manager" der Gesundheit ihrer Kinder, und die Umwelt erschwere diese Situation in vielen Hinsichten.

Dies habe auch Auswirkungen auf ihre eigene Gesundheit - vor allem auf die mentale Belastung von Müttern, wie Vergleichsstudien gezeigt hätten. Zudem hätten Mütter mit einem Kind mit Behinderung durchschnittlich eine um 5 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, in ihrem Job beschäftigt zu bleiben. Mütter verdienten nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung im Schnitt 14,5 Prozent weniger, Väter 9 Prozent weniger.

Der Arbeitsmarkt müsse flexibler werden und Inklusion auch in dieser Hinsicht mitdenken, mahnte Balbo - denn Menschen mit Behinderung bildeten die größte Minderheit der Welt: Mehr als eine Milliarde Menschen seien betroffen, das entspreche etwa 16 Prozent der Weltbevölkerung. 240 Millionen Kinder weltweit hätten eine Behinderung. In der EU liege die Prävalenz unter 16 Jahren bei vier Prozent, das entspreche etwa 3,6 Millionen Kindern.

Zugleich fehle es vielfach noch immer an Diagnosen, angemessener Behandlung und auch Unterstützung für betroffene Familien. Nach Worten der Soziologin betrifft dies auch die Geschwister von Kindern mit Behinderung, die mitunter als "gläserne Kinder" bezeichnet werden, um ihre mangelnde Sichtbarkeit deutlich zu machen. Die Eltern hätten für die nichtbehinderten Kinder oft weniger Zeit, und diese bemühten sich, möglichst wenig Umstände zu machen.

Frühes Erwachsenwerden könne Vorzüge haben: So seien diese Kinder oft widerstandsfähig und erreichten tendenziell höhere Bildungsabschlüsse. Doch zugleich drohten dysfunktionale Bewältigungsmuster, die sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen könnten. Um dies zu vermeiden, müsse man genau hinsehen - und Herausforderungen für diese Familien zunächst verstehen.