Biologe: Buckelwal Timmy ist ein Sinnbild für Tierleid
Von Trauer bis Hoffnung: Das Schicksal des Buckelwals Timmy berührt zahlreiche Menschen. Biologe und Theologe David Seltmann erklärt, warum ein einzelnes Tier die Gesellschaft so aufwühlt.
Münster (KNA) Buckelwal Timmy kämpft in der Ostsee noch immer um sein Überleben. Für viele Menschen ist der Meeressäuger, der sich seit Ende März immer wieder freischwimmt und dann wieder auf Grund läuft, mehr als ein verunglücktes Tier. In Sozialen Medien häufen sich Trauerbekundungen, aber auch Hoffnung über jüngste Erfolge von Tierrettern und Lebenszeichen des Wals. Nach den Worten des Biologen und Theologen David Seltmann, Dozent am Institut für Theologische Zoologie in Münster, offenbart sich darin eine Besonderheit der menschlichen Wahrnehmung.
Jeden Tag stürben unzählige Tiere in Deutschland - besonders Nutztiere, so Seltmann. Vor dem Leid dieser Lebewesen verschließe die Gesellschaft regelmäßig die Augen. Die menschliche Psyche sei nicht in der Lage, abstrakt um alle gequälten und getöteten Tiere in der Weise zu trauern, wie es bezogen auf ein einzelnes Lebewesen wie Timmy möglich sei. "Darum bedeutet die Trauer um dieses konkrete Tier auch die Chance, auf das menschenverursachte Tierleid in seinen verschiedenen Facetten aufmerksam zu machen."
Ein Wal könne zudem besondere Gefühle wecken. Speziell der Buckelwal sei bekannt für seine vielseitige Kommunikation und ein Leben in verschiedenen sozialen Gefügen, die den Menschen bekannt vorkämen. "Zugleich ermöglicht die Andersartigkeit dieser Art eine Projektionsfläche menschlicher Emotionen." Religiös gesprochen habe im biblischen Buch Hiob schon Gott seine Fürsorge für die Meerestiere dem Hiob tröstend vor Augen geführt - bei aller Fremdheit. "Wal und Mensch sind Teil der gleichen Schöpfung", so Seltmann.
Personen, denen der Fall besonders nahegeht, empfiehlt der Theologe, sich unter 0800 1110111 an die Telefonseelsorge zu wenden, wo man über seine Gefühle sprechen könne. Auch ein Gespräch mit nahe stehenden Menschen oder ein Gebet könnten hilfreich sein.
Der Buckelwal war Ende März zunächst in der Lübecker Bucht gestrandet. Nachdem das Tier befreit werden konnte, schwamm es sich jedoch in der Wismarer Bucht immer wieder fest, zuletzt vor der Insel Poel. Tierretter hatten dort einen weiteren Rettungsversuch vorbereitet, nachdem vorige Ansätze gescheitert waren. Der Wal hatte sich aber laut Medienberichten am Montagmorgen selbst freigeschwommen und weiter in die Bucht hinein bewegt. Boote von DLRG und Polizei sollen nun versuchen, das Tier aus der Bucht zu eskortieren.
