Neue Studie: Wo die Neandertaler ihr Besteck herbekamen
Sumpfschildkröten waren für Frühmenschen auch im heutigen Deutschland eine beliebte Beute. Doch den Jägern ging es offensichtlich nicht so sehr um Suppe, wie Mainzer Forscher in Sachsen-Anhalt herausfanden.
Mainz/Braunsbedra (KNA) Die Neandertaler haben im heutigen Deutschland offensichtlich gezielt Schildkröten gejagt. "Allerdings wahrscheinlich nicht, um sich von ihnen zu ernähren, sondern möglicherweise, um Schöpflöffel aus ihren Panzern herzustellen", teilte die Johannes Gutenberg-Universität Mainz am Mittwoch mit.
Ein Team um Altertumswissenschaftlerin Sabine Gaudzinski-Windheuser hat für die neue Studie rund 125.000 Jahre alte Stücke von Schildkrötenpanzern untersucht, die aus der altsteinzeitlichen Fundstätte Neumark-Nord bei Braunsbedra (Sachsen-Anhalt) stammen.
Wie die Forschenden unter anderem durch hochauflösende 3-D-Scans herausfanden, weisen viele der 92 Stücke Schnittspuren an der Innenseite auf, die darauf hindeuten, dass die Schildkröten von Neandertalern sorgfältig geschlachtet wurden. Gliedmaßen wurden abgetrennt, innere Organe entfernt, Panzer gründlich gesäubert.
"Unsere Daten liefern den ersten Nachweis dafür, dass Neandertaler auch nördlich der Alpen, jenseits des Mittelmeerraums, gezielt Schildkröten jagten und verwerteten", so Gaudzinski-Windheuser.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Schildkröten nicht als Nahrungsquelle dienten. "Das können wir durch die Fülle von Überresten großer, ertragreicher Beutetiere an diesem Ort so gut wie ausschließen. Dort herrschte wahrscheinlich ein völliger Kalorienüberschuss", so Gaudzinski-Windheuser laut Mitteilung. "Allerdings sind sie relativ leicht zu fangen und wurden deshalb vielleicht von Kindern gejagt. Ihre Panzer wurden dann vielleicht zu Werkzeugen, etwa Schöpflöffeln, verarbeitet."
Möglich sei auch, dass sie wegen ihres Geschmacks oder wegen eines vermeintlichen medizinischen Nutzens gejagt worden seien.
