Wissenschaftler: So können Zweifel ein Feindbild aufbrechen
Erst schlagen, dann denken? Das darf nicht sein. Eine Forschergruppe hat nun Techniken entwickelt, wie man Feindseligkeit und Hass gegenüber dem politischen Gegner in der Gesellschaft abbauen kann.
München/Hamburg (KNA) Die Studie "Bridging the Divide" (Brücken schlagen) zeigt Wege auf, um Gewalt in der Gesellschaft zu reduzieren: Das berichtet der Wissenschaftler Steffen Moritz im Interview der "Süddeutschen Zeitung". Moritz leitet am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf den Forschungsbereich Neuropsychologie und Psychotherapie. "Bei den meisten unserer Probanden konnten wir in der Studie Feindseligkeiten und Hass reduzieren."
Der Wissenschaftler hat nach eigenen Angaben eine Methode entwickelt, die ursprünglich zur Behandlung schwerer psychischer Störungen gedacht war - das Metakognitive Training (MKT). Mit dieser Methode könne man Zweifel säen und verdeutlichen, dass man nicht vorschnell urteilen sollte, sondern erst weitere Informationen sammeln muss.
Aus der ersten Anwendung dieser Fragetechnik sei eine Studie geworden, während der die Wissenschaftler gegenseitige Vorurteile von religiösen Gruppen reduzieren konnten. "Es ist uns gelungen, Vorbehalte von Muslimen gegenüber dem Christentum und vor allem dem Judentum zu reduzieren und andersherum."
Bei der aktuellen Studie ging es nach Moritz' Worten nun um Vorurteile, die Anhänger der Grünen und der AfD gegeneinander hegten. Ihnen seien Fragen gestellt worden zu verbreiteten politischen Stereotypen, deren Antwort ein Aha-Erlebnis auslöste. "Vermeintliche Gewissheiten über den ideologischen Gegner entpuppten sich als falsch", so Moritz. Wem derart die Augen geöffnet würden, der sei bereit, die eigene Einstellung zu überdenken - und vor allem mögliche Konsequenzen wie Gewalt in Schach zu halten.
Der Experte rät davon ab, den politischen Gegner stellen zu wollen: Dies rufe sofort Abwehr hervor. Sinnvoller sei, einander zuzuhören und ein Gespür dafür zu bekommen, wie der andere ticke. Moritz: "Dann kann man Argumente entkräften und versuchen, dem anderen zu neuen Einsichten zu verhelfen, ohne dass der gleich die Seiten wechseln muss."
"Mein Wunsch ist, dass die Fragetechnik Eingang findet zum Beispiel in den Schulunterricht, Kinder sollen lernen zu diskutieren und sich nicht niederzuschreien", betont der Wissenschaftler. "Wir als Gesellschaft müssen weiter auch mit Menschen reden, die weit links oder rechts stehen." - Die Studie wurde von Forschenden der Universitäten Hamburg und Augsburg durchgeführt.
