Jerusalemer Abt Schnabel: Religion darf Krieg nicht rechtfertigen
Keine Religion darf den gegenwärtigen Nahostkrieg schönreden - das fordert der Abt der deutschsprachigen Benediktinerabtei in Jerusalem, Nikodemus Schnabel. Es sei Zeit für Diplomatie statt Gewalt.
Jerusalem (KNA) Der Abt der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem, Nikodemus Schnabel, sieht einen Missbrauch von Religion im Nahostkrieg. Judentum, Christentum und Islam würden genutzt, um den Krieg zu rechtfertigen, schönzureden oder zu heiligen, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Jerusalem. Es sei an der Zeit, sich für Deeskalation, Abrüstung und Diplomatie einzusetzen.
Prominente religiöse Stimmen wie die von Papst Leo XIV. oder des Dalai Lamas ließen keinen Zweifel daran, dass dieser Krieg "dreckig" sei und es keinen heiligen Krieg, sondern nur heiligen Frieden gebe. Im Namen Gottes Krieg zu führen, bezeichnete Schnabel als Blasphemie, also Gotteslästerung.
Gleichwohl gebe es weiterhin viele Juden, Christen und Muslime, die "wirklich an der Vision eines Zusammenlebens, an Versöhnung und Frieden festhalten". Sie böten "diesen Hooligans der Religion" die Stirn und seien nicht bereit, dass ihre "wunderschöne Hochreligion" missbraucht werde. Dafür sei er dankbar.
Seine Hoffnung, dass zum jüdischen Pessachfest der Krieg vorbei sei, sei enttäuscht worden, sagte Schnabel. Das Fest hatte mit dem Sonnenuntergang am Mittwochabend begonnen. Für die Jerusalemer Altstadt gälten weiterhin starke Einschränkungen. Sie würden gleichermaßen Muslime, Christen und Juden beim Zugang zu ihren heiligen Stätten während der jeweiligen hohen Feiertage einschränken. Schnabel verwies auch auf "merkwürdige Doppelstandards" bezüglich Altstadt und Neustadt: Während die Altstadt komplett geschlossen sei, sei in der wenige Meter entfernten Westjerusalemer Einkaufsstraße Mamilla alles geöffnet; Menschen säßen in Cafés.
Als besonders bitter bezeichnete der Benediktiner die Schließung der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg. Die Polizei hatte diese Schließung wenige Tage nach Kriegsbeginn am 3. März angeordnet. Bis dahin habe man stolz sagen können, dass die Dormitio und das Kloster in Tabgha am See Genezareth seit dem Angriff der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 als "Hoffnungsinseln in diesem Ozean von Leid" nicht einen Tag geschlossen gewesen seien.
Gottesdienste werden dennoch gefeiert - wie in der Grabeskirche hinter geschlossenen Türen. Im Fall der Dormitio dürften nach den Anordnungen des Heimatfrontkommandos bis zu 50 Personen an den Gebeten teilnehmen, die kriegsbedingt von der Kirche in die Krypta verlegt worden seien, erklärte Schnabel.
