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Historiker: NSDAP-Mitgliederkartei bietet nur begrenzte Erkenntnisse

"Man muss schon weiter nachforschen." Historiker Johannes Spohr sieht bei der Freigabe der NSDAP-Mitgliederdatei nur begrenzten Nutzen. Die wenigen Daten allein seien wenig aussagekräftig.

Die Freigabe der NSDAP-Mitgliederkartei durch das US-Nationalarchiv könnte nach Einschätzung des Berliner Historikers Johannes Spohr für Konflikte in Familien und der Öffentlichkeit sorgen. Allerdings hätten die digitalisierten Mitgliedskarten nur sehr begrenzte Aussagekraft, sagte der Gründer des Recherchedienstes "present past" zum Nationalsozialismus in Familie und Gesellschaft am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

"Eine einfache Karteikarte mit wenigen Daten zur Parteimitgliedschaft kann ja nur ein Anfang für eine Recherche sein", sagte er. Fragen nach der konkreten Überzeugung und Weltanschauung des Familienmitglieds seien damit ebenso wenig beantwortet wie konkrete Taten ermittelt. Weitere Nachforschungen in Familienakten, Archiven und bei Zeitzeugen wären also nötig.

Spohr sieht durch die Öffnung der US-Daten zugleich eine "Demokratisierung": Jeder Hobbyforscher könne in dem US-Archiv nicht nur über Verwandte, sondern auch über Nachbarn, ganze Orte oder öffentliche Personen recherchieren. "Das birgt durchaus Sprengstoff", sagte er.

Die NSDAP-Mitgliederkartei ist seit 1994 auch im Bundesarchiv in Berlin zugänglich. Die mehr als 12,7 Millionen Karteikarten sind mittlerweile voll digitalisiert und können elektronisch gestützt recherchiert werden. Darunter befinden sich auch Informationen zu Mitgliedschaften in Parteigliederungen wie SS und SA, die im US-Archiv bislang nicht erhältlich sind. Allerdings sind die Nutzungshürden höher: Man muss dort einen Antrag und Anfragen zu konkreten Personen stellen. Mitarbeiter des Bundesarchivs suchen dann die entsprechenden Karteikarten heraus und schicken Scans an Enkel oder Urenkel. Wissenschaftler haben mehr Rechte.

Historiker Spohr rechnet damit, dass die Recherche zur NS-Zeit in Archiven in den kommenden Jahren zunehmen wird. "Weil die Zeitzeugen aussterben, werden sich immer mehr Menschen in den Archiven informieren wollen", sagte er. Die Motivation dafür schätzt Spohr sehr unterschiedlich ein: Der Renteneintritt der Babyboomer und die Frage, was sie jüngeren Generationen hinterlassen wollen, spiele eine wichtige Rolle. Andere hätten einfach ein politisches Interesse.

Bei manchen gebe es Befürchtungen, dass es im familieneigenen Betrieb Zwangsarbeit gab, fügte Spohr hinzu. Manche hätten vielleicht Geld oder Gegenstände geerbt und fürchteten nun, dass dieses Erbe belastet sein könnte. Spohr sieht aber auch ganz andere mögliche problematische Motive: Auch Rechtsradikale könnten die Karteikarten nutzen, um mit Stolz auf ihre Familiengeschichte hinweisen zu können.