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Expertin: Gesellschaft verstärkt Scham bei Opfern sexueller Gewalt

Viele Opfer sexueller Gewalt schämen sich. Die Gesellschaft trägt daran nach Ansicht einer Expertin eine Mitschuld. Schämen müssten sich die Täter - die zudem nicht als "krank" bezeichnet werden sollten.

Die Gesellschaft ist mit dafür verantwortlich, dass Opfer sexualisierter Gewalt sich für das Erlebte schämen: Davon ist die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh überzeugt. "Denken Sie an die zunehmende Denunzierung und soziale Beschädigung von Personen im Internet, deren Gesichter in Porno-Bilder eingesetzt werden oder denen gedroht wird, irgendwelche intimen Bilder ins Netz zu stellen", sagte Saimeh im Interview der "Süddeutschen Zeitung".

Diese Art der Drohung funktioniere nur, weil die Öffentlichkeit den Resonanzboden für derartige "Beschämungserlebnisse" liefere: "Wir als Öffentlichkeit definieren, dass das dann peinlich ist." Dabei müssten Täter eigentlich erkennen, dass ihr Verhalten beschäme - auch sie selbst. Saimeh berät unter anderem als Sachverständige Justizbehörden, Justizvollzugsanstalten und Forensische Kliniken.

Die Expertin wandte sich zudem dagegen, derartige Straftaten als "krank" zu bezeichnen. Diese zu begehen, sei in den allermeisten Fällen eine bewusste Entscheidung. "Der Krankheitsbegriff fängt da an, wo es für die handelnde Person gewissermaßen keine inneren Alternativen mehr gibt und die Fähigkeit zur Selbststeuerung massiv eingeschränkt ist." Ein mangelnder Wille zur Selbstkontrolle sei davon zu unterscheiden. "Wer 'krank' für alles hält, was er selbst persönlich verurteilt, begibt sich in ideologisch gefährliches Fahrwasser", warnte sie.