Medienpsychologe: Schlechte Nachrichten sind überrepräsentiert
Weniger News sind manchmal mehr: Ein Experte erklärt, warum Social-Media-Kanäle voll von negativen Nachrichten sind. Er hat auch Tipps, wie sich jede und jeder Einzelne besser informieren kann.
München (KNA) Medienpsychologe Tobias Rothmund rät davon ab, Nachrichten auf Social-Media-Plattformen wie Instagram und Tiktok zu verfolgen. Dort starteten Videos automatisch, erklärte er im Interview der "Süddeutschen Zeitung". Diese "direkte Form von Konfrontation" sei problematisch. Eine Möglichkeit sei, einen Zweit-Account mit einem politischen Algorithmus für bewusstes Einholen von Informationen einzurichten.
Tendenziell seien der frühe Morgen und der späte Abend ungünstige Zeitpunkte, um belastende Informationen an sich heranzulassen. "Psychohygiene ist ein wichtiges Thema bei der Mediennutzung", sagte Rothmund. "Morgens ist der Organismus durch digitalen Content schnell gestresst, von Grausamkeiten noch mehr. Wir müssen erst einmal hochfahren und uns langsam aktivieren." Spätabends nehme man schwierige Inhalte schnell mit in den Schlaf.
Er selbst versuche zu unterscheiden, welche Aufnahmen wichtig seien, um Zusammenhänge zu verstehen - und welche reinen Voyeurismus bedienten. "Generell finde ich es nicht hilfreich, sich explizite Gewaltdarstellungen anzusehen", sagte der Experte. Es gebe allerdings Ausnahmen - wie jüngst die Tötungen bei ICE-Einsätzen in Minneapolis: Hier habe er sich selbst ein Bild machen wollen, ob die Einsatzkräfte in Notwehr handelten oder überzogen.
Der Algorithmus der Social-Media-Plattformen ziele auf maximale Aufmerksamkeit ab, erklärte Rothmund. "Deshalb sehen wir heute viel mehr negative Nachrichten als noch vor drei oder fünf Jahren. Dramatische Videos aus Kriegsgebieten zum Beispiel werden gezielt genutzt, um unsere Bildschirmzeit zu erhöhen." Historisch gesehen gebe es weniger Gewalt - weltweit und auch hierzulande - als noch vor 100 Jahren. "Aber unser Eindruck ist ein anderer." Daher stiegen die Fälle von News-Vermeidung in allen Altersgruppen.
Er rate zu einer bewussten Entscheidung darüber, wie man sich selbst mit Nachrichten konfrontieren wolle. "Niemand muss sich diese grausamen Videos anschauen. Das hat auch nichts mit Verantwortung zu tun", sagte Rothmund. Qualitätsjournalismus zeichne sich auch dadurch aus, den Menschen aufzuzeigen, wie sie selbst etwas bewegen könnten - durch Hintergrundinformationen oder seriöse Spendentipps: "Wenn man spürt, dass man immerhin im Kleinen mitwirken kann, verliert sich dieses Gefühl der völligen Machtlosigkeit."
