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Historiker sieht Ende der Epoche der unbedingten Westbindung

Die Westbindung prägte Deutschland seit 1949. Nun stehe Europa vor einem Umbruch, meint der Historiker Norbert Frei. Er verweist auf ein bestimmtes Vermächtnis.

Für den Historiker Norbert Frei stehen Deutschland und Europa vor dem Ende einer Epoche der unbedingten Westbindung. Die fast acht Jahrzehnte lang bestehende Periode, die Konrad Adenauer begründet habe, sei für alle heute lebenden Menschen in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland eine scheinbar immerwährende Realität gewesen, sagte Frei, bis 2021 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, im Deutschlandfunk.

Für Adenauer habe immer die Freiheit vor der Einheit gestanden, so Frei anlässlich des 150. Geburtstags Adenauers am 5. Januar. Er habe es geschafft, der Mehrheit der Westdeutschen begreiflich zu machen, dass die Integration in das westeuropäisch-transatlantische Bündnissystem eine Voraussetzung für eine Wiedervereinigung in Freiheit bilden würde.

Frei sagte, die Begeisterung vieler Deutscher für den Nationalsozialismus habe Adenauer zeitlebens misstrauisch bleiben lassen gegenüber der politischen Urteilsfähigkeit und der politischen Reife der Deutschen. Politikerinnen und Politiker könnten von Adenauer lernen, dass es gerade in der Demokratie auf Führungskraft und das Festhalten an eigenen Überzeugungen ankomme. Auch dann, wenn diese im Moment unpopulär erschienen, oder man riskiere, dafür abgewählt zu werden. Wer nicht bereit sei, dieses Risiko einzugehen, werde sich schwertun, andere zu überzeugen. Diese Überzeugungskraft habe Adenauer vorgelebt.